Bei Hitze cool bleiben – aber wie?

Das beste Mittel gegen Hitze ist Klimaschutz – dazu kann jeder einen Beitrag leisten. Ein Abend mit Experten in Gerbrunn gab Rat und Auskunft.

„Hitze ist das neue Normal“, so formulierte es provokant Prof. Dr. Manfred Gessler, Fraktionsvorsitzender der Grünen in Gerbrunn und Moderator des Abends. Der Ortsverband hatte zum Podiumsgespräch eingeladen. Die angeregte Diskussion in der gut besuchten Kulturbühne „Alte Feuerwehr“ zeigte, wie sehr das Thema aktuell die Menschen beschäftigt.

Verwirrtheit und Stürze durch Flüssigkeitsmangel

Ihre Station in der Klinik sei für diese Jahreszeit ungewöhnlich voll, so Natalie Preiss, Neurologin und Chefärztin der Geriatrie am Klinikum Main-Spessart in Lohr. Gerade Ältere litten unter verschiedensten Folgen der Hitze: Chronische Erkrankungen verschlimmerten sich, durch Dehydrierung (Austrocknen des Körpers) nähmen Zustände von Verwirrung zu.

Alte Menschen empfinden weniger Durst als junge, so Preiss. Gleichzeitig nehme mit dem Alter das Schwitzen ab, das den Körper kühlen soll. Deshalb müssen gerade alte Menschen im Sommer besonders darauf achten, genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Sonst drohten Gefahren wie Desorientierung und Stürze. Auch sollte man mit dem Hausarzt besprechen, ob bestimmte Medikamente, etwa gegen Bluthochdruck oder Schlaftabletten, in ihrer Dosierung angepasst werden müssen. Angehörige, aber auch Nachbarn sollten gut aufeinander achtgeben und daran denken, dass sich auch die kognitiven Fähigkeiten von alten Menschen bei Hitze deutlich verschlechtern können. In der Gruppe der Älteren gelte es insbesondere diejenigen mit Demenz im Blick zu haben.

Klimaangst bei Jugendlichen

Dr. Eva-Maria Schwienhorst-Stich, Ärztin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik und Wissenschaftlerin mit Schwerpunkt Klima und Gesundheit, wies darauf hin, dass auch jüngere Menschen durch die Hitze körperlich und seelisch beeinträchtigt seien. Nicht nur Allergien und Asthma nähmen zu, auch die Psyche sei belastet: So sei neben Konzentrationsproblemen allgemein auch eine Zunahme von Aggressionen bis hin zu höheren Gewalt- und Selbstmordraten feststellbar. Mitzuerleben, wie die Natur sich durch den Klimawandel unwiderruflich verändere, führe bei einigen jungen Leuten zu einem Gefühl der Traurigkeit bis hin zu „Klimaangst“ – oder als Gegenbewegung und eine Art Selbstschutz auch zur Leugnung, dass der Klimawandel menschengemacht sei. Allerdings sei nicht Leugnung, sondern aktiver Klimaschutz heilend – und dazu könne jeder durch sein Verhalten beitragen.

„Anerkennen, Verantwortung übernehmen, Finanzieren“

Mit diesen Schlagworten umriss Patrick Friedl, Sprecher der Grünen für Naturschutz und Klimaanpassung im bayerischen Landtag, seine Maxime für wirkungsvollen Hitze- und Klimaschutz: „Wir ringen um die Überlebensfähigkeit der Menschheit auf dieser Erde. Spätestens nach diesem Sommer sollten das auch die letzten verstanden haben.“ Während Frankreich bereits nach der extremen Hitzewelle 2003 mit europaweit mehr als 70.000 Toten Hitzeaktionspläne entwickelt habe, erlebe er hier leider immer noch ein Verdrängen des Problems und den Vorwurf der Panikmache. Die achttausend deutschen Hitzetoten allein im Juni diesen Jahres hätten vergleichsweise wenig öffentliches Aufsehen erregt. „Wir verhalten uns irrsinnig statt vernünftig“, so Friedl in seinem Statement. „Kaufhäuser sind besser klimatisiert als die Orte, wo unsere Kranken liegen“. Aktionismus wie der Bau einer Wasserleitung aus dem inzwischen ebenfalls trockenen Süden nach Nordbayern helfe nicht, wenn es andererseits einen „Antragsstopp“ für Geld beim Klimaschutz gebe. Klimaschutz sei Gesundheitsschutz. Zisternen, mehr Bäume und Grün, Klimaanlagen für Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten und Senioreneinrichtungen sowie öffentlich zugängliche kühle Orte – dafür müsse das Land die nötigen Mittel zur Verfügung stellen.

Das Zeitfenster schließt sich

Professor Dr. August Stich, Tropenmediziner, früher an der Missio-Klinik und jetzt an der Uni-Klinik tätig, relativierte die Angst vor neuen Krankheitserregern wie der asiatischen Tigermücke oder der giftigen Nosferatu-Spinne, von der seine Tochter bereits ein Exemplar im Keller entdeckt habe. Zwar gebe es auch hierzulande ein gewisses Risiko der Übertragung von Tropenkrankheiten, doch dieses sei unbedeutend im Vergleich zu den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels für Ältere. Stich warnte: „Entscheidend für mich ist, dass wir jetzt noch etwas tun können, um den Klimawandel zu bremsen. In ein paar Jahren ist dieses Zeitfenster geschlossen“.

Einkaufen im kühlen Supermarkt

Kinderärztin Schwienhorst-Stich wies auf die Notwendigkeit einer Kopfbedeckung für Kinder bei starker Sonneneinstrahlung hin, bei Kleinkindern sei unbedingt auch eine Nackenbedeckung erforderlich. Bei Schülern sei ab 26 Grad im Schatten die Lernfähigkeit eingeschränkt. Eltern von Kindern, die Medikamente für ADHS bekommen, sollten bei Hitze Rücksprache mit ihrem Arzt halten. Gute Tipps für den Umgang mit Hitze in Schulen gebe es auf der Website www.hitze.info. Allgemein empfahl Schwienhorst-Stich kleinere und häufigere Mahlzeiten, weniger Eiweiß, feuchte Tücher auf der Haut, Wasser-Sprühflaschen und nachmittags möglichst eine Siesta zu halten oder kühle Orte aufzusuchen, und sei es der Einkauf im klimatisierten Supermarkt.

Suffizienz statt immer mehr

Prof. Stich hob auf die Verantwortung Deutschlands und globale Solidarität beim Klimaschutz ab: Gesamt betrachtet gehöre Deutschland weltweit zu den Top 10 der größten Treibhausgas-Emittenten. Auch wenn Europa der Kontinent sei, der sich aktuell am schnellsten erwärme, seien die Folgen des Klimawandels in armen Ländern viel existentieller. Nicht zuletzt deswegen würden viele Menschen zu uns fliehen.

Jeder könne konkret aktiv werden, indem er seinen Lebensstil anpasse. Trotzdem gehe es nicht ohne politische Vorgaben. Auch die Anschnallpflicht sei zunächst von vielen belächelt und abgelehnt worden – heute sei sie das Normalste der Welt. Die Frage sei nicht „Was brauche ich sonst noch?“, sondern: Was genügt mir, meinen Kindern und Enkelkindern, um gut leben zu können. Das Zauberwort heiße Suffizienz.

Die spannende Diskussion reichte von der Klimatisierung gemeindlicher Einrichtungen über Baumpatenschaften und Entsiegelung bis hin zur steigenden Waldbrandgefahr und Kühlwesten für die Feuerwehr. Neben vielen konkreten Anregungen konnten die Gäste auch eine zentrale Botschaft mit auf den Weg nehmen: „Wir werden auch in Zukunft gut leben können, wenn wir jetzt ins Handeln kommen und schnell die notwendigen Veränderungen angehen.“

Patrick Friedl brachte es auf den Punkt: „Wir brauchen mehr Begegnung, mehr Austausch und Abende wie diesen.“ Für die bevorstehende Urlaubszeit rief er dazu auf, nahe schöne Ziele in den Blick zu nehmen. „Wir müssen nicht wegfliegen, um einen warmen Sommer zu erleben.“

Gregor Wolf / Brigitte List-Gessler

Podiumsgespräch
Foto: B. List-Gessler | Podiumsgespräch mit Moderator Prof. Manfred Gessler, Prof. August Stich, Dr. Eva-Maria Schwienhorst-Stich, Natalie Preiss, Patrick Friedl.

„Cool bleiben …“ – Wie k…